Last in translation



„Mit etwas Spieltrieb ist alles übersetzbar“, schrieb ich in meinem Nachwort zum Gedichtband „Rilke Shake“ der brasilianischen Dichterin Angélica Freitas. Aber was heißt überhaupt „übersetzbar“? Und wo verlaufen die immer wieder ins Spiel gebrachten, mysteriösen Grenzen zwischen „Übersetzung“, „Übertragung“ und „Nachdichtung“? Letztlich steckt in dieser Dreiteilung die Idee, „Übersetzung“ sei „kannst du das mal kurz“, also schnell gemacht, weil „le pain“ „das Brot“ ist und „l’arbre“ der „Baum“. Dass französisches Brot mit dem deutschen wenig gemein hat, ist bekannt, etwas weniger vielleicht, dass der Berliner bei „Baum“ – pars pro toto hin oder her – vermutlich an eine Kastanie, der Südfranzose bei „arbre“ an eine Platane und der Normanne an eine Pappel denkt. Wenn ich als Beifahrerin die Fahrerin mit „Vorsicht Katze“ oder „attention, un chat“ warne, ist das Geschlecht des Tieres erst einmal egal, Hauptsache die Fahrerin erfasst das „universell Zugängliche“ (Georges Arthur Goldschmidt) und weicht aus. Im Text spielt es aber möglicherweise eine grammatikalische, strukturelle, inhaltliche oder sprachspielerische Rolle, ob ich es mit einer Katze oder einem Kater als pars pro toto zu tun habe … Wenn ich so tue, als gäbe es eine „einfache“ Sinnübersetzung (versus der komplexeren Übertragung oder noch komplexeren Nachdichtung, dem Freistil beim Hinüberschwimmen ans andere Ufer, sozusagen), verlange ich von der Übersetzung, was Sprache nicht kann: verlässlich zu übertragen, „was gemeint ist“. Was gemeint ist, beruht auf Konsens, ich aber sage zum „Tisch“ „Schiff“, weil ich das Ding umdrehe und damit übersetzungsflussaufwärts und –abwärts schippere, oder „Orange“, weil ich gerade Prévert gelesen habe. Will sagen: Die oben genannte Dreifaltigkeit ist nicht heilig, sie ist obsolet: Entweder, ich nenne alles „Übersetzung“ – ein schönes Wort, erinnert an zu umschiffende Klippen, an Schwimmübungen, Schiffbruch und Styx – oder, solange das Bewusstsein dem Sein noch hinterherhinkt, und zudem aus purem Spieltrieb, „Interpretation“: Keine Übersetzung ein und desselben Textes ist identisch, so wenig wie die musikalische Interpretation ein und desselben Stückes gleich sein kann. Viel Vergnügen beim Lesen!
                                                                                                                                                                   


Und noch mehr Darras: Hammer der Champagner! Anmerkungen zum Übersetzen eines Gedichts von Jacques Darras.
Nachzulesen in: Akzente 2/2017: Nachdichten. Ein Werkstatt-Heft: Selten treten die Geheimnisse von Poesie so offen zutage wie im Prozess ihrer Nachdichtung. Fünfzehn Lyriker zeigen, welche Gedichte sie gerade übertragen. Jeder stellt das fremdsprachige Original neben die Bearbeitungsschritte der deutschen Übersetzung und kommentiert den Vorgang: Was geschieht zwischen Interlinearversion und Endfassung, worin unterscheiden sich Dichten und Nachdichten? Mit Mirko Bonné, Ulrike Draesner, Norbert Hummelt, Hendrik Jackson, Odile Kennel, Dagmara Kraus, Steffen Popp, Ilma Rakusa, Joachim Sartorius, Léa Schneider, Ulf Stolterfoth, Ernest Wichner, Ron Winkler, Uljana Wolf.
 

Ich freue mich sehr, dass es draußen ist:



Jacques Darras: Endlich raus aus dem Wald. 1914 noch einmal von vorne. Ein rasendes Thesengedicht. Aus dem Französischen von Odile Kennel. Klak-Verlag Berlin 2017.

Zum Inhalt:
Ein Waldstück der Argonnen nordwestlich von Verdun. Hier fiel zu Anfang des Ersten Weltkriegs im September 1914 Jacques Darras‘ Großvater. Von hier ausgehend begibt sich der Autor auf die Suche nach dem Unbekannten, schlägt einen Bogen von den Leerstellen der eigenen Geschichte zu den Leerstellen der allgemeinen Geschichte, setzt sich mit der Haltung der Surrealisten auseinander, die Den systematischen Kahlschlag im Wald der Lebenden/ Als „das bisschen Realität bezeichneten, aber auch mit der Haltung anderer europäischer Dichter, Romanciers, Maler und Wissenschaftler zu ihrer Zeit. Er erinnert sich an sein eigenes Coming-to-Age als Dichter, an seine politische Sozialisation, stellt die Frage nach der Rolle der Poesie in der Gesellschaft und im heutigen Europa. Der Text sperrt sich wie die meisten seiner Werke einer eindeutigen Zuordnung: essayistisches Langgedicht, poetischer Essai, rasendes Thesengedicht, Collage aus Poesie, Prosa, Zitaten, Apologie und Tirade, in jedem Fall aber eine furiose Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg und seiner Bedeutung für die europäischen Gesellschaften bis in die heutige Zeit.
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(Meine erste Übersetzung in eine Sprache, die ich nicht spreche)

Érica Zíngano: Eine Sache für eine andere. bulky new press 2017

She prefers dogs instead of cats, but she lives with a cat. Her new book "eine Sache für eine andere" is a collective one and turns around one single poem, the catty cat poem: "the first official poem in German". Written initially in a profane German by Érica Zíngano and then translated into different target languages by non-native speakers translators: 
Lotti Thießen (de>fr); 
Nathalie Quintane (fr>pt-pt); 
Marion Breton (fr>en); 
Rob Packer (en>pt-br); 
Odile Kennel (de>it) 
Mercedes M. (pt-br>es). 
Marília Garcia also wrote catty words in the very end when Rámon — the cat is about to jump out of the pages. 


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Inzwischen sind folgende Kinderbuchübersetzungen erschienen (alle aus dem Französischen):


Thomas Baas. Der Rattenfänger von Hameln. Gestalten 2016.

Alice Brière Haquet/CSIL: Frau Eiffel. Gestalten 2015.

                       
Gerard Lo Monaco: Die kleine Welt aus Papier. Gestalten 2015.              

Marie-Sabine Roger/Nathalie Choux : Lu Karibu. Gestalten,  2014.

David Sire/Thomas Baas : Plitsch. Gestalten, 2014.
 
Sonia Goldie/Marc Boutavant: Kleine Hausgeister. Gestalten 2014.
                         




Kleine Hausgester. Von Sonja Goldie und Marc Boutavant. Verlag Gestalten 2014.
I proudly present: Meine erste Kinderbuchübersetzung. Ein wirklich empfehlenswertes Buch, witzig, sprachverspielt, kein bisschen pädagogisch oder moralisierend ... „Kleine Hausgeister“ erzählt von den großen und kleinen Geistern, die bei uns zuhause wohnen: Sie ziehen garantiert keine Eisenkugel hinter sich her und heulen auch nicht den ganzen Tag herum. Es gibt das Gespenst in der Waschmaschine, das Gespenst im Telefon, das Gespenst der grauen Tage, das Badezimmergespenst ... Für Kinder zwischen 3 und 103. 





 www.gestalten.com

Besprechung Kleine Hausgesiter


Érica Zíngano
Ich weiß  nicht warum.
Zeichnungen und Texte für Unica Zürn.
Übersetzung aus dem Portugiesischen (Brasilien) Odile Kennel
hochroth berlin 2013
Érica Zíngano



Körper: ein Handbuch.
Ricardo Domeneck
Übersetzungen: Odile Kennel
Verlagshaus J. Frank
Berlin 2013



Der Körper als Subjekt der Lust, als »Ort der Anatomie«, als Instanz der Wahrnehmung von Welt: Geschichte, Alltag, Philosophie, Pop und Poesie, Persönliches und Politisches gehen in diesen oft collage-artigen Texten eine Synthese ein. „Ich versuche, Dichotomien zum Verschwinden zu bringen, oder zumindest auf der Grenze zu leben, die sie trennt, sie jedoch tatsächlich verbindet.“ Körper: Ein Handbuch, ist der erste auf Deutsch erscheinende Band des brasilianischen Dichters Ricardo Domeneck. Seine Gedichte zeichnen sich durch Sprachdichte und Komplexität aus: Sie sind präzise, semantische wie formale Kompositionen, in denen der Klang, das Hören des Gedichtes, eine entscheidende Rolle spielt.

Ricardo Domeneck, 1977 in São Paulo geboren gehört zu den aufregendsten Stimmen Lateinamerikas, und ist als Repräsentant einer neuen brasilianischen Lyrik, die Lesung und Performance verbindet, Gast an Orten wie dem Museum of Modern Art in Rio de Janeiro und dem Reina Sofia Museum in Madrid. Bei Veranstaltungen las und diskutierte er mit Autoren wie Wole Soyinka (Nobelpreis für Literatur 1986), Tomaž Šalamun, Breyten Breytenbach und Yang Lian. Seit mehreren Jahren ist er Gast des Poesiefestivals der Literaturwerkstatt Berlin, für die er 2012 den Versschmuggel mit brasilianischen Dichtern kuratierte. 

(Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) für die Unterstützung der Arbeit an diesem Band!)

Und hier der Videomitschnitt eines exzellenten Gesprächs zwischen dem Dichter Ricardo Domeneck und seinem Verleger Johannes Frank am 15.3.2013 auf der Leipziger Buchmesse.

Pressestimmen

Einen merkwürdig anmutenden Titel: „Körper: Ein Handbuch“, trägt der erste Gedichtband, der von Ricardo Domeneck in deutscher Übersetzung vorliegt. Es ist sein insgesamt sechster Gedichtband, und gleichzeitig der erste in deutscher Übersetzung (...). Für die deutsche Übersetzung ist Odile Kennel zu danken, die auch das Nachwort verfasst hat, in dem sie bekennt, selten eine so anregende Übersetzungsarbeit gemacht zu haben. Das Ergebnis ist jedenfalls ganz und gar überzeugend. Laut Ricardo Domeneck sind die Übersetzungen sogar besser als die Originale.
Aber reden wir zunächst über das Thema des Buches, das, wie unschwer zu erraten sein dürfte, der Körper ist: „Seit der Aufklärung haben die Menschen vergessen, dass sie einen Körper haben“, sagt Ricardo Domeneck. Deswegen macht er ihn zum Thema. (...) Hier ist ein Dichter am Werk, der Grenzen auflöst zwischen Wort und Bild, Geist und Körper. Ein Dichter, bei dem selbst die Übersetzung eines Gedichtes zu einer erotischen Übung wird. Für Domeneck sind weder Sprache noch Dichtung abstrakt, ebenso wenig wie man Dichtung vom Kontext, in dem sie entsteht und aufgeführt wird, trennen kann. (...) Politik, Dichtung, Körper, darum geht es in Domenecks Gedichten und immer wieder um die Liebe (...).
Wenigstens ein, zwei Sätze sind noch zu den gelungenen Illustrationen von Annemarie Otten zu sagen, die ebenso körperbetont sind wie die Gedichte. (...) Nicht zuletzt dank dieser Illustrationen und der kongenialen Übersetzung Odile Kennels, klingt der Titel: „Körper: Ein Handbuch“, nach dem Lesen durchaus poetisch. Weil es diese Trennung schließlich nicht gibt, zwischen dem Körper und der Poesie.
Elke Engelhardt auf Fixpoetry

Mit sinnlicher Sprachgewalt und überraschenden Bildern fordern die Texte den Leser heraus. Der Klang der Verse – mal geschmeidig, mal hastig, dann zögerlich – bleibt noch lange im Gedächtnis (...)  Die Übersetzungen in glänzender poetischer Gewandtheit stammen von Odile Kennel. Das Buch ist als zweisprachige Ausgabe aufgelegt: Die portugiesischen Originale ergänzen ihre deutschen Gefährten zu einem lyrischen Ganzen. Beide Fassungen stehen wohlgemerkt nicht vis-à-vis. Jede Version wirkt für sich allein und kann in Sprache, Duktus und ganz eigener Schönheit für sich wahrgenommen werden.
Stefanie Käsler auf Berg-Link

Popcorn unterm Zuckerhut
Junge brasilianische Literatur
Herausgegeben von Timo Berger
Wagenbach Berlin 2013
(Kurzgeschichten u.a. von Michel Laub, Katherine Funke, Daniel Galera, Joca Reiners Terron, Joao Filho, Adriana Lisboa, Laura Erber, Joao Paulo Cuenca, Andréa del Fuego, Carola Saavedra, Fabrício Corsaletti, in den Übersetzungen von Timo Berger, Marianne Gareis, Maria Hummitzsch, Michael Kegler, Odile Kennel, Sarah Otter, Enno Petermann)


Mehr dazu in der Süddeutschen Zeitung und in der ila!


poet nr. 13/ 2012
mit dem Schwerpunkt "Neue brasilianische Lyrik", darin Gedichte von Angélica Freitas, Fabrício Corsaletti, Nicolas Behr, Carlitos Azevedo und Laura Erber, in den Übersetzungen von Timo Berger, Sarah Otter und Odile Kennel.
Zu beziehen über poet-magazin








Damaris Calderón
Sprache und Scharfrichter
Gedichte aus dem Spanischen (Kuba)
parasitenpresse, Köln 2011





Angélica Freitas
Rilke Shake
Gedichte aus dem Portugiesischen (Brasilien).
Luxbooks, Wiesbaden 2011



(Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) für die Unterstützung der Arbeit an diesem Band!)



Pressestimmen

Ja, wir Leser dürfen jede Zeile dieses Buches nach Lust und Laune verzehren: Angélicas nostalgisch-heitere Liebesgedichte, ihre Parodie auf Haikais, die zu neuem Genre der bai-bais mutieren (»wer bai-bais schreibt weiß: vorbei/die schöne zeit«), ihr Karthographieren von Lebensorten aus der ganzen Welt oder ihre Warnungen vor missglückten Beziehungen im letzten Kapitel »Rosa Buch der törichten Herzen«. Das Ich – lesbisch, großgeworden im bürgerlichen Milieu, weit gereist, lebenserfahren , belesen trotz Vorliebe für das Radiohören – mag ein törichtes Herz in Sachen Liebe besitzen und manches liest sich als Befreiungsschlag, doch geschieht dies weder verzweifelt noch zerknirscht, sondern heiter und selbstironisch in kritischer Distanz zu Tradition und Erbe (…) ein Plädoyer für Freiheit und Kreativität des Übersetzens, denn drei Prämissen will sie treu bleiben: erstens ist mit etwas Spieltrieb alles übersetzbar, zweitens lässt sich der Sinn mehr dehnen als die Form und drittens ist nichts absolut. So zeugen Odiles Übertragungen von jenem kreativen Suchen nach dem Gedicht, als, um einen Übervater der Moderne, Paul Valéry, zu zitieren, »cette hésitation prolongée entre le son et le sens«. Dieses Zögern zwischen Klang und Sinn in den witzig-tiefgründigen Kreationen von Angélica spricht Deutsch in den Fundstücken von Odile Kennel.
Luísa Costa Hölzl auf nova cultura

"Rilke Shake" ist der erste Lyrikband der 1973 geborenen Brasilianerin Angélica Freitas. Angefüllt ist er mit verspielten, komischen und tragischen aber vor allem wunderbar leichten Gedichten, die Titel tragen wie "statut der entmallarmierung", "warum googelst du mich nicht, Luisa?" oder "mit gertrude stein in der wanne". Dichtung, die ihre diversen Vorbilder nicht leugnet, aber trotzdem einen ganz individuellen emotionalen Sound hat. Mehr davon!

Matthias Ehlers auf WDR 5


Jean Portante
Die Arbeit des Schattens
Gedichte aus dem Französischen (Luxemburg)
Edition phi, Esch/Alzette 2005